Stoppt den Tribes-Hau-Effekt!

Früher war mehr Hype. Wir leben in Zeiten, in denen Gitarren auf der Insel mal so richtig überhaupt nicht gefragt sind. Noch hat es keine der drei bisherigen Singles der Tribes in die Top 100 der britischen Charts geschafft, dennoch sind diese vier verstrubbelten Jungs aus Camden von einem zunehmend verzweifelten NME zum Hoffnungsträger des Quartals auserkoren worden, mit dem auf Teufel-komm-raus das nächste Indie-Revival losgetreten werden soll – vgl. The Vaccines, 2011. Also gab‘s fürs Debütalbum „Baby“ (VÖ in D am Freitag, 27.1.) krass überzogene 9 Punkte, sogar eine „der Gitarrist-hat-was-mit-Scarlett-Johannsen“-Story wurde fabriziert.
Dabei sind die Tribes einfach nur eine vollkommen okaye Indieband (mit oft gar nicht uncleveren Texten). Den Hype mögen sie so nicht verdient haben, den unweigerlich folgenden Backlash aber auch nicht. Naja. Im Dezember spielten sie in München vor den Kaiser Chiefs, ich traf Sänger Johnny Lloyd und Gitarrist Dan White zum Gespräch.
Ihr habt ja schon einen Haufen Bands als support begleitet dieses Jahr, richtig?
Johnny: Nee, das ist erst unsere dritte Tour als Vorband.
Na sowas, Eure Band-Pressebio nennt so viele Namen…
Dan: Vor allem haben wir unsere eigenen Headlineshows gespielt.
Johnny: Festivals haben wir halt viele gespielt.
Dan: Ja, die werden halt Bands genannt haben, die auf den gleichen Festivals waren. Aber support haben wir nur mit den Mystery Jets gespielt, mit den Pixies…
Johnny: und den Kooks.
Trotzdem ziemlich große Namen.
Dan: Klar, das war schon klasse. Aber wir kommen gerade von unserer ersten richtigen UK-Headlinetour, und das war das Beste, das uns dieses Jahr passiert ist. In England kommt die Sache gerade so richtig ins Rollen. Supportshows sind wichtig, aber unsere eigenen Shows spielen wir lieber.
Das ist euer erstes Mal in München, richtig?
Dan: Genau, ja.
Johnny: Unser erstes Mal in Deutschland, überhaupt.
Schade, dass ihr München an so einem nebligen Tag erwischt. Im Sommer ist es hier super.
Dan: Morgen haben wir den Tag frei, da wollen wir uns die Stadt angucken.
Noch mal zu eurer Pressebio: Die beginnt mit einem sehr gewagten Statement. Demnach wollt ihr eine Band sein, die Leben verändert.
Dan: Da werden wir allerdings falsch zitiert.
Johnny: Das sollte doch eigentlich geändert werden. Ist es nicht geändert worden?
Dan: Was wir meinen, ist dass wir keine halben Sachen machen wollen.
Johnny: Wir wollen eine Wirkung ausüben auf die Leute, das ist, was wir gesagt haben.
Dan: Das hat dann wohl irgendjemand falsch verstanden.
Naja, es ist ja schließlich unser Job, Sachen interessanter klingen zu lassen, als sie sind. Ich meine, habt ihr mal Johnny Borrell getroffen? Der ist null so abgehoben, wie alle tun.
Dan: Also, in Tribes gibt es keinerlei Arroganz.
Johnny: Auf sowas wie Johnny Borrell stehen wir überhaupt nicht.
Dan: Aber der ist groß in Deutschland, richtig?
Mei, es geht. Er ist okay groß, von Album zu Album mehr.
Dan: So wie David Hasselhoff.
Das wiederum ist ein Mythos. Ok, David Hasselhoff hatte halt mal nen Novelty-Hit. Und klar, Baywatch und Knight Rider waren erfolgreich. Aber das war in den 80s. Auf der Insel glaubt man trotzdem, er wäre hier auf ewig eine Art goldener Gott.
Dan: Wie mögen ihn auf der Insel, er ist witzig. The Hoff.
Ihr wollt also die Leben der Menschen NICHT verändern.
Dan: Doch, doch, also, wir wollen schon Wirkung erzielen.
Johnny: Aber wir wollen halt nicht wichtigtuerisch rüberkommen dabei.
Wie soll denn die Wirkung aussehen, die ihr erzielen möchtet?
Johnny: Die Leute sollen sich halt besser fühlen als im Alltag. Eine halbe Stunde Spaß haben, wenn sie auf die Show gehen oder das Album anhören. Wir haben ja keine Medizin gegen Krebs, wir sagen nur: Kommt zu unserer Show und lebt euch eine halbe Stunde aus. Wenn das klappt, klasse.
Ich hab‘ aber trotzdem ein paar Fragen zum Thema „das Leben verändernde Bands“ vorbereitet und die werde ich jetzt gnadenlos durchziehen.
Johnny: Klar, frag, was du magst.
Es gab ja sicher auch Bands, die eure Leben verändert haben. Wer war das, und wie haben sie euch verändert?
Johnny: Led Zeppelin haben mein Leben verändert, keine Frage. Denn ich hab‘ angefangen, Musik zu machen, nachdem ich sie gehört habe. Die Beatles haben mein Leben verändert, die haben mir die Augen geöffnet für neue Blickwinkel und Ansichten, Bob Dylan genauso. Eine Menge Bands, sie sind alle wichtig, wenn sie eine Gegenkultur schaffen.
Dan: Es passiert permanent, oder? Auch wenn wir im Tourbus sitzen und ein neues Lied hören, das wir noch nicht kennen, das aber alle toll finden – dann wird auch das seinen Effekt haben, oder?
Johnny: Deswegen ist es auch so klasse, wenn jetzt Fans auf uns zukommen und sagen: Eure Lieder bedeuten mir viel! Das ist doch super.
Was war denn dann beispielsweise der letzte Song, der euch gemeinsam im Tourbus mitgerissen hat?
Dan: Das war erst heute. Bob Dylan hat eine Radioshow, und die haben wir als Podcast angehört, da lief all die wunderschöne alte Musik, von Leuten, deren Namen wir noch nicht kannten. Da war eine Menge Soul dabei, sehr berührende Gospel Songs und auch so einiger richtig guter Rock‘n‘Roll.
Ein anderes Zitat aus der Bio ist, dass ihr absichtlich nicht so experimentell sein wollt. Ich schließe daraus, dass eure früheren Bands experimenteller waren?
Johnny: Ja, diesmal wollen wir direkter sein. Es geht aber nicht darum, weniger zu experimentieren, sondern darum, leichter eine Verbindung zu herzustellen. Einfach mit Rock‘n‘Roll.
Dan: Momentan gibt‘s so viel experimentelle Musik, die so schwer zu durchsteigen ist, dass sie einfach einen Keil treibt zwischen die Musiker und ihr Publikum.
Johnny: Viele dieser Bands HABEN erst gar kein Publikum.
Habt ihr da Beispiele?
Dan: Ach, alles aus East London, was du nennen magst, da sind all diese experimentellen Bands unterwegs, die überhaupt gar nicht erst an die Oberfläche kommen. Du kennst ihre Namen nicht und wir auch nicht.
Ich muss, wo ihr davon sprecht, nämlich an Pitchfork denken – die sprechen letztlich oft eine sehr insuläre Szene an.
Dan: Genau, genauso wie Stoolpigeon. Da sind all diese Magazine gleich. Aber wir wollen eben kein Teil einer isolierten Szene sein.
Johnny: Wir wollen zugänglich sein, aber trotzdem unser eigenes Ding machen. Darum geht‘s.
Wie habt ihr euch getroffen? Ich höre, ihr wart in zwei anderen Bands, die dann zusammenwuchsen?
Johnny: Naja, Miguel und Dan sind zusammen groß geworden, und ich bin mit Jim zusammen aufgewachsen, wir kennen uns also schon so richtig lange. Vor ein paar Jahren haben wir uns dann in Camden getroffen und entschieden, dass wir gemeinsam eine etwas heaviere Band gründen wollten, in der wir alles schlichter halten wollten.
Stammt ihr alle aus London?
Johnny: Miguel hat längere Zeit in Kalifornien gelebt, dann kam er nach Camden. Dan ist aus Maidenhead, ich und Jimmy sind aus Mittelengland.
Und es hat euch alle nach London verschlagen, weil ihr Musik machen wolltet?
Dan: Camden ist schon was Besonderes, fast alle britischen Rock‘n‘Roll-Bewegungen haben hier ihren Ausgangspunkt. Deswegen sind wir alle getrennt voneinander davon angezogen worden, und haben uns kennen gelernt, sind in Pubs abgehangen und haben über Musik geredet. Wir waren zu der Zeit ziemlich frustriert von der dortigen Szene. Deswegen wollten wir was Neues lostreten. Etwas, das mehr aus dem Bauch kam und nicht so gestelzt war.
Hilft es, aus London zu kommen?
Johnny: Nein. Gar nicht. Es gibt zu viele Bands in London. Es ist eher umgekehrt.
Weil ich gehört habe, dass ihr gerade mal einen Gig gespielt und ein Demo aufgenommen hattet, als ihr schon den Pixies-Support bekamt?
Johnny: Stimmt, ja.
Naja, aber sowas kann es doch nur in London geben, oder? Verglichen damit, wo ich herkomme – ich komme aus einer Kleinstadt am Alpenrand – also, eine Band aus unserem Ort, die hätte wohl schon zwei Jahre existiert, bevor sie überhaupt erstmals außerhalb der Gegend einen Auftritt bekommen hätte.

Frühe Förderer der Tribes: The Pixies
Dan: Das hat die Pixies aber nicht gestört, denen haben halt unsere Songs gefallen.
Johnny: Es war reiner Zufall, wir haben irgendwem auf einer Party ein Tape in die Hand gedrückt. Und es wäre auch so oder so passiert. Wenn du gute Songs hast, passiert‘s. Wenn nicht, passiert eben nichts.
Dan: ich meine, klar, in London ist man näher an der Quelle. Das mag stimmen. Aber es gibt einem keinen unfairen Vorteil, man muss trotzdem noch gut sein und gute Songs haben. Egal, wo man herkommt.
Naja, aber eben diese Nähe zur Quelle, die hilft schon. Vor ein paar Jahren haben Bekannte von mir – aus dem Musikbusiness – eine Band gegründet, nur weil sie zeigen wollten, dass man sich nur an den Riemen reißen muss und es klappt. Sie hatten sich sozusagen eine Deadline gesetzt und gesagt: Bis dann und dann haben wir so viele Songs und die spielen wir dann auf dieser Show. Das war ein Pavement-Support-Gig, damals. Sie waren stolz und tönten rum. Ich war anderer Ansicht, ich hab ihnen das auch gesagt. Denn sie kamen ja schon aus der Szene. Sie konnten mal eben ihre Buddies bei der Halle fragen: Dürfen wir Pavement supporten? Daran alleine wäre ja jede andere Anfängerband schon gescheitert, die haben ja die Kontakte nicht oder ihre Anfrage wäre total ignoriert worden.
Dan: Diese Kontakte, die haben wir aber auch nie gehabt, die Business-Seite von dem Ganzen haben wir lange total ignoriert. Inzwischen haben wir einen sehr guten Manager, okay. Aber einen Zeitplan a la: Bis dahin spielen wir diese Show und bis dahin das Festival, sowas haben wir nie aufgestellt. Wir haben einfach die Band gegründet, Songs geschrieben, und dann Tag für Tag genommen, wie er kam. Eine Abkürzung haben wir nie genommen, wir haben hart gearbeitet.
Johnny: Diese Band aus deinen Kumpels – wer so denkt, wird nicht weit kommen. Man muss wirklich einfach gut sein, um sich durchzusetzen. Und in London gibt es so unglaublich viele Bands, dass das ein echter Kampf ist.
Dan: Wenn man keine Geduld hat, hält man keine 30 Sekunden durch.
Stimmt, ich glaube, außer der Show hat diese Band keine zweite mehr gespielt… aber wieder zu Euch. Ihr habt euer Album „Baby“ genannt. Kurz, treffend, auf den Punkt. Da habt ihr euch doch bestimmt was dabei gedacht.
Johnny: Na, es ist halt unser Baby. Und wir konnten gar nicht glauben, dass der Titel noch nicht vergeben war.
Dan: Wir konnten jedenfalls kein anderes Album mit dem Namen finden. Ich weiß gar nicht mehr, wie uns das eingefallen ist, es war irgendwann da, und wir waren uns einig: Das ist ein super Titel.
In meinem Info fehlen ein paar der langweiligen Fakten: Wo habt ihr aufgenommen, wer hat produziert?
Dan: Ich finde, das sind keine langweiligen Fakten. Ich finde, das gehört doch zu den interessanten Sachen. Naja, vielleicht nicht für die Leute da draußen. Mike Crossey hat es produziert und aufgenommen haben wir in Liverpool. Wir haben alles live auf Band gespielt.
Johnny: Das war uns wichtig. Wenn die Leute die Platte hören, sollen sie das Gefühl haben, dass diese Musik auch von vier Typen gespielt wird. Deswegen war es uns echt ein Anliegen, das alles analog zu belassen.
Das ist mir auch bei euch aufgefallen: Viele neue Bands haben ja 80s-Einflüsse, das Keyboard ist fast schon obligatorisch. Ihr habt das klassische Stimme/Gitarre/Bass/Drums-Lineup. Fast schon trotzig.
Dan: Dieses 80s-Ding, das scheint uns halt ein kurzlebiger Trend zu sein. Wir wollten keinen Keyboarder nur als Accessoire in der Band haben. Man kommt ohne das aus – und Sachen weglassen, auf den wahren Kern kommen, das ist das, worum‘s uns geht.
Johnny: Wir mögen keine Keyboards. Wenn, dann Klavier.
Dan: Und man kann ja Schicht um Schicht um Schicht auf einen Song auftragen, aber am Ende zählt doch nur der Song. So wollen wir‘s hören und so wollen wir‘s spielen. Alles andere ist doch überflüssig.
Ich seh‘ das so – manchmal mag ich diese 80s-Sachen durchaus. Wenn die Keyboards Sinn machen, wenn der Song stimmt, das kann schon ineinander greifen.
Dan: Wir brauchen es halt nicht, wir haben es nie darauf angelegt. Bei uns soll alles so simpel wie möglich bleiben.
Okay… ihr tourt jetzt mit den Kaiser Chiefs. Die hatten es zuletzt nicht leicht, Ihre letzte Platte lief nicht besonders, und sie scheinen sich in einer Abwärtsspirale zu befinden. Die Kaiser Chiefs sagten neulich auch in einem Interview: Für neue Gitarrenbands wird es in künftig vielleicht nicht mehr möglich sein, aus Musik eine Karriere zu machen. Für so einige Bands in England ging es zuletzt abwärts und kaum neue sind aufgetaucht. Macht euch das Angst? Dass es aufgrund der äußeren Umstände für euch vielleicht nie zur Karriere reichen kann?
Johnny: Aber es kommen doch eine Menge Bands nach oben! Und wir haben jetzt auf Island Records einen Vertrag und glauben daran, dort eine lang andauernde Zukunft vor uns zu haben. Irgendwer muss das doch glauben: “Wir sind diejenigen, die sich durchsetzen!” Und wir glauben halt, dass wir diese Band sind.
Dan: Angst hat nie reingespielt. Vom ersten Tag an haben wir an das geglaubt, was wir machen. Und wenn WIR nicht daran glauben, wer soll denn dann daran glauben? Das darf man auch nie loslassen.
Johnny: Die wirtschaftliche Situation ist doch für alle beschissen. Jedem geht‘s doch mies. Die Arbeitslosigkeit hat in Großbritannien neue Rekordzahlen erreicht.
Dan: Bestimmt ist das trotzdem etwas, woran viele Bands scheitern: Am Wirtschaften. Manche kriegen ihr Geld von der Plattenfirma und glauben dann, große Tourparties schmeißen zu müssen. Aber wir haben immer alles klein gehalten und gespart – und wir haben es auf diese Weise geschafft, um die halbe Welt zu touren.
Johnny: Und das, noch bevor das Album draußen ist! Da waren wir schon in New York und Tokio.
Dan: Klar, es ist schwierig. Aber das wichtigste ist jetzt, dem Album auf der Welt Gehör zu verschaffen.
Johnny: Die Tribes-Fans in England, das sind ziemlich krasse Typen, weißt du? Sowas wird dich immer anstacheln. Okay, weniger Leute kaufen Platten, wegen der Depression. Aber uns beunruhigt das nicht. Das Album kommt im Januar, und dann sehen wir schon, was passiert. Wenn es echt so hart läuft, dann müssen wir uns halt noch mehr reinknien.
Also, für mich als jemand, der lange dabei ist – mir tun die Bands richtig leid, dass sie es gerade so schwer haben. Man schaut sich die UK-Charts an und findet weit und breit keine GItarrenband mehr. Wenn ihr als gehypte Band in den 90s hochgekommen wärt, hättet ihr jetzt schon einen Top-Ten-Hit gehabt. So wäre das System damals gewesen.
Dan: Naja, aber das ist ein bisschen irrelevant, oder? Wir sind nicht mehr Teil dieses Systems, wir sind Teil des Systems von 2011 und wir versuchen, klarzukommen innerhalb dieses Systems.
Johnny: Wir sind halt jetzt geboren.
Dan: Wenn man‘s durchziehen will, muss man aber natürlich wissen, wie das alles läuft. Man muss sich halt durchsetzen wollen, und dabei gerne dickköpfig sein. Ich denke, daran scheitern eine Menge Bands, daran, dass sie die Arbeit nicht machen wollen. Die denken: Wir laden ein paar Songs auf Myspace, und sobald wir einen Vertrag unterschrieben haben, läuft es von selbst. Tut es aber nicht. Da fängt die Arbeit erst an!
Nun ist Gitarrenmusik aber wie gesagt auf der Insel gerade alles andere als hip. Wie wollt ihr es schaffen, Gitarrenmusik modern zu halten?
Johnny: Na, mit neuen Songs. Mit der Power dieser Songs, die die Leute noch nicht gehört haben, die neue Emotionen vermitteln und zu denen sie neue Erfahrungen machen. So einfach ist das!
Dan: Es gibt jetzt eine ganz neue Generation britischer Kids, die Rock‘n‘Roll gar nicht kennen. Sie waren noch nie auf einem Gig, sie wissen gar nicht, was das bedeutet, vier Typen mit Gitarren, die was anderes machen als vorgefertigte Chartmusik oder Elektro. Das hier ist NEU für viele Kids.
Das frage ich mich eben, ob das einfach ein zyklisches Phänomen ist…
Dan: Genau so ist das
… oder ob die Kids, die heute auf Gitarren stehen, vielleicht die Rolle einnehmen, die zu meiner Zeit die jungen Jazzfans eingenommen haben.
Johnny: Wie alt ist Rock‘n‘Roll, 50, 60 Jahre? Und keiner weiß, was als nächstes kommt, deswegen zerbricht man sich nicht den Kopf, sondern macht einfach. Wenn es so wäre, wie du sagst, dass Gitarren nicht mehr cool wären, das wäre ein echtes Problem. Aber Gitarren werden immer hip sein, weil Songs immer hip sein werden.
Dan: Und wenn du jetzt Bands ansprichst, die es gerade schwer haben und die am Scheitern sind – ich glaube, viele dieser Bands, die jagen dem hinterher, was cool ist. Die haben ihre Band gegründet, um das zu machen, was in ihrer Zeit angesagt war. So war‘s aber nicht. Wir haben uns nur gegründet, weil wir das spielen wollten, auf das WIR Bock hatten.
Ich muss mich ja auch selbst immer mal hinterfragen, ob ich nicht längst keinen Bezug mehr dazu habe, wie die Kids drauf sind. Ich meine, ich hab‘ mir dieses Jahr erst meinen Facebook-Account angelegt, so hinke ich hinterher. Deswegen vergleiche ich‘s mit Jazz. ..
Dan: Du darfst halt nicht Musik deswegen anhören, weil du glaubst, sie wäre cool.
Aber das mache ich nicht. Ich will immer noch Dinge hören, die ich noch nicht gehört habe.
Dan: Ich würde sagen, dass das, was mal Pop war, halt jetzt wieder was für eine Minderheit ist.
Johnny: Genau. Was mal Mainstream war, ist jetzt wieder Alternative.
Dan: Und es kommen ja trotzdem noch Bands durch. Die Arctic Monkeys laufen gut, die Vaccines sind als neue Band ziemlich erfolgreich… und zu sagen: “Wir werden nicht gut laufen”, das bringt‘s ja auch nicht. Wir müssen unser Zeug halt unter die Leute bringen.
Okay… neue Frage: Was ist die große vorherrschende Fehleinschätzung über Tribes?
Johnny: Dass wir eine Grungeband wären.
Ja, das habe ich auch öfter gelesen.
Dan: Wir sind keine Grungeband!
Als ich das Album gehört habe, habe ich mich gefragt, wo da der Grunge sein soll.
Dan: Ich hoffe auch, wenn das Album rauskommt, wird sich das legen. Wir haben nie Nirvana gehört, das war überhaupt nicht unsere Band. Klar, wir kennen ihre Songs, aber das war‘s auch.
Johnny: Das war halt so ein Presse-Ding, die brauchten ein Schlagwort für uns. Was gibt‘s sonst noch?
Dan: Dass wir‘s leicht gehabt hätten! So war‘s nämlich nicht. Wir arbeiten seit zwei Jahren echt hart an der Band. Wir haben nicht nachgelassen seit der Gründung.
Johnny: Wir haben keine Abkürzung genommen.
Dan: Wir sind durch all das durch, wo eine Band durch muss.
Das erste Jahr, vor der Pixies-Tour, wie habt ihr das dann verbracht?
Johnny: In Clubs. Wir haben echt je-den noch so kleinen Club gespielt in Camden.
Dan: Und im Proberaum!
Johnny: Du musst immer präsent sein, die Leute aufmerksam machen.
Dan: Demos aufnehmen, Demos verteilen… das kam alles von uns. Auf dem Silbertablett ist uns nichts serviert worden!
Johnny: Es gibt tausend Bands in London, die sich jede Woche gründen.
Dan: Erst mal musst du in diese Szene reinkommen, dann musst du dich dort an die Spitze arbeiten, und wenn du dann Glück hast, kommt vielleicht endlich der Vertrag.
Johnny: Es spielen doch locker 15, 20 Bands an jedem verdammten Tag alleine in Camden, diesem winzigen Teil von London. Da musst du schon was Frisches anbieten, da musst du dir die Aufmerksamkeit erst mal verdienen.
Dan: Irgendwo kann das aber auch mal ein Vorteil sein. Denn weil es so unglaublich viele Bands gibt, gibt es auch so unglaublich viel Mittelmaß. Wenn dann mal eine Band heraussticht, sticht sie gleich richtig heraus.
Ihr habt erwähnt, dass ihr schon auf der halben Welt gespielt habt, unter anderem eine Japantour…
Dan: Also, es war nur eine Show, genau genommen.
Aber trotzdem: Das ist doch schon was. Und wenn man Bands nach besonderen Live-Erfahrungen fragt, hört man fast immer, wie unglaublich Japan ist.
Johnny: Das war es auch.
Es heißt immer: Wie auf einem anderen Planeten.
Dan: Das stimmt. Wir haben in einer riesigen Arena gespielt, vor zehntausend Leuten! Wir haben an dem Tag die Chili Peppers getroffen, das war der verdammt beste Tag EVER! Die Leute waren super, das Essen war toll, und wir möchten hoffentlich noch oft dorthin zurück!
Okay, zum Abschluss meiner Interviews frage ich immer nach der verrücktesten Show, die jeweilige Band je gespielt hat. Was war denn euer verrücktester Gig?
Dan:… Hmmm, also die Show mit den Pixies, die war schon verdammt irre. Frank Black seitlich neben sich stehen zu haben.
Johnny: Genau, die Pixies, sie standen neben der Bühne und haben uns zugeguckt – nachdem sie uns ja vorher persönlich eingeladen hatten. Das war unser sechstes Konzert – und es fand vor 3.000 Hardcore-Pixies-Fans statt, das war auf jeden Fall ein surrealer Moment.
Dan: Der andere irrste Moment, das war, als zum ersten Mal das Publikum unsere Texte mitgesungen hat. Wenn man mitkriegt, dass man tatsächlich was erreicht hat, dass man echt was auslöst bei den Leuten. Und das bringt uns letztlich zu deiner ersten Frage zurück, nach dem Wirkung, die wir auf die Leute haben wollen.
Johnny: Deswegen würde ich auch das Reading-Festival in die Liste aufnehmen. Denn da ist uns das zum ersten Mal auf einem großen Level passiert. Da haben auf einmal 2.000 Leute zurück gesungen. Wir kannten das bis dahin von unseren kleinen Shows, wo vielleicht mal ein paar hundert Leute waren.
Dan: Unsere letzte eigene London-Show vor zwei Wochen, da haben wir vor 1.500 Leuten gespielt.
1500? Das ist ne Menge.
Dan: Ja, darum hat uns das auch eine Menge bedeutet. So zu erleben, wie es von Show zu Show immer größere Kreise zieht. Dabei muss das Album erst noch rauskommen! Nee, es läuft echt super für uns in England.
Alles klar – dann wünsche ich euch heute viel Erfolg vor den Kaiser Chiefs!
Dan: Danke, nice to meet you!
Johnny: Nice to meet you!
Und natürlich auch viel Erfolg fürs Album!
Dan: Danke, wenn du magst, hol dir nachher ein Bier bei uns!